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Midnightkiller666
23:15
Tagebuch aus Luftblasen 2

Ich erwache. Nicht, dass ich geschlafen hätte, doch mein Geist wird für einen Moment wacher, als eine sonderbare Strömung beginnt, mich zu  ummanteln.
Eine Strömung aus gleichförmigen Leibern und transparenten Flossen, aus starren Augen und stummen Mündern.
Ein Schwarm umfließt mich und ich beginne, mich mittreiben zu lassen. Warum auch nicht? Ob ich nun Stunden, Tage, Wochen dahinschwimme, oder allein still am Grund verweile, ändert nichts in dem Moment, in dem dieser Zeitpunkt als einzelner Tropfen in den Ozean meiner verwaschenen Erinnerung eingeht... Ein Ozean, der langsam auszutrocknen scheint, um eine salzige Wüste zu hinterlassen.

Die Fische um mich herum sehen alle gleich aus. Ich wünschte, ich
wüsste, ob ich einer von ihrer Art bin. Könnte ich mich selbst betrachten, wenigstens meine Flossen... Könnte ich dieses Bild von außen sehen, wie ich in der Mitte dieser Ansammlung stummer Tiefenversunkener Mönche einfach mitfließe, würde mir ein wenig Gewissheit Trost schenken.

Im Takt meiner Kiemenatmung bewegt sich mein Kiefer, angenehm, still, gleichbleibend. Manchmal träume ich davon, meine Gedanken durch meinen Mund zu pusten, mich durch so erzeugte Wellen verständlich zu machen, von dem verzweifelten Wunsch getrieben, mich mitzuteilen und, wenn es nicht zu viel gewagt sein sollte, zu verstehen, was die anderen Fische denken. Ich könnte fragen, ob ich so aussehe, wie sie. Und ich könnte ihnen ebendies bestätigen. Keiner von ihnen kann für sich wissen, wie er aussieht. Ob er eigentlich in die Farbtöne des Schwarms, in diese Art, die als Karawane durch die endlose Wüste aus Wasser zieht, eingepasst ist.

Ich wünschte mir so sehr, mit ihnen zu sprechen, herauszufinden, ob sie dieselben Gedanken quälen.
Ich wünschte mir so sehr, sie könnten meine Tränen sehen, die von meinen Augen in das Salzwasser sickern... unbemerkt... irrelevant.
Ich wünschte mir so sehr, Gewissheit zu erlangen, über so vieles.

Und dann wird es mir klar: Sie blicken mit denselben leeren Augen umher, wie ich. Sie schwimmen gleichförmig, scheinbar ziellos in eine Richtung, die niemand kennt und niemand bestimmt, angetrieben von Resignation und Gleichgültigkeit. Sie atmen wie ich, bewegen ihre Flossen wie ich. Keiner weiß mehr, mich eingeschlossen, wie lange der Schwarm schon unterwegs ist, oder wo er herkommt. Ich habe schon längst vergessen, wie lange Zeit ich mit ihm schwimme, und der Gedanke ihn zu verlassen kommt mir absurd und unreal vor.

Und auch ohne zu sprechen, ohne sich zu sehen und ohne das Salz der Tränen vom Salz des Meeres unterscheiden zu können, erkenne ich, was all diese Fische denken. Sie denken dasselbe wie ich. Sie sehen so aus wie ich. Und sie leiden, stumm und trauernd, wie ich.
Denn ich sehe nur mich um mich herum, sehe den Schwarm von außen, ohne vergessen zu können, dass ich ein eingepasstes Stück in diesem Puzzle bilde. Ein Puzzle, in dem sich die Teile nicht zu berühren scheinen. Ich sehe nur mich. Meine Zukunft, meine Vergangenehit, immer wieder mich. Gleichartig... gleichbleibend.
Und stumm gleite ich in meiner Vielzahl durch die Tiefe.
Der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit unbestreitbar in jedem meiner Gefährten, genau wie in mir vertreten, unerfüllt, erstickt im tiefendruck des Stummen Meeres.




- Dieser Text ist einem Fisch gewidmet, den ich sehr Schätze -

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Schweinderl